Meine ganz persönliche Geschichte mit Karneval

Gestern bin ich seit drei Jahren zum ersten Mal wieder auf einem Karnevalszug gewesen….


Niemals hätte ich gedacht dass ich diesem Spektakel etwas abgewinnen würde, als ich vor 20 Jahren ins Rheinland gezogen bin. Ich stamme aus einer pietistischen geprägten Familie, in der es nicht gut geheißen wurde, sich an „Fasching“ (so hieß das in Hessen) zu verkleiden. Ich habe meine Eltern überhaupt nie je verkleidet gesehen.Und so war Fasching für mich immer ein Anlass, mich irgendwie komisch zu fühlen. Denn in der Schule wurde gefeiert, aber man selbst hat irgendwie nicht mitgemacht, oder nur halb, eben ohne Verkleidung. Lange Zeit dachte ich, dass man da als "Christ einfach nicht mitmacht".

 

Plötzlich im Rheinland mitten im Karneval...

Als ich dann nach Bonn gezogen bin, war ich plötzlich Teil dieses riesigen Spektakels. Unsere Wohnung lag mitten in der Altstadt und der Zug ging direkt vor der Haustür vorbei. Die Berge von Dreck, die am Abend auf der Straße lagen, waren gewöhnungsbedürftig. Und in den ersten Jahren sind wir regelmäßig vor den Karnevalszug geflüchtet.

Dann sind wir nach Rheinbach umgezogen, eine Kleinstadt mit ca. 25.000 Einwohnern. Wieder lag unserer Wohnung genau an der Route des Karnevalszuges. Und dieses Mal konnten wir uns nicht einfach so „verdrücken“. Unser Mitbewohner im Haus gingen selbstverständlich davon aus, dass wir unsere Wohnung (wir hatten die Erdgeschoss-Wohnung) öffnen, Laugenbrezeln und Berliner anbieten für Freunde, die sich natürlich selbstverständlich vor unserem Haus versammeln.

 

Gemeinsam den „Zug“ zu schauen, wird als tolles gemeinschaftliches Erlebnis empfunden. Das war der Beginn meiner Beziehung zum Karneval. Immer noch zögerlich habe ich damals angefangen, dieses Fest mit zu feiern, mir die einzelnen Wagen anzuschauen und versucht diesem Spektakel etwas abzugewinnen. Sobald unsere Kinder laufen konnten, haben Sie voller Begeisterung „Kamelle“ aufgesammelt und lauthals gerufen: „Kamelle, Kamelle“. Einmal hatten wir tatsächlich vier Ikea Tüten voller Süßigkeiten. Sie haben gereicht bis zu St. Martin (dieser Tag wurde in unserem Ort auch gefeiert und da kamen die Kinder wieder mit Tüten voller Süßigkeiten nach Hause).

Das Für und Wider ...

Gestern stand ich nun also wieder einmal nach längerer Zeit am Straßenrand und habe mich gefragt, was ich diesem Spektakel eigentlich abgewinne. Ist es etwas Gutes? Oder sollte ich es doch wegen der vielen Betrunkenen und des heidnischen Ursprungs eher als kritisch ansehen? Wie stehe ich eigentlich zu diesem Volksfest?  Diese Antworten habe ich für mich gefunden:

 

Ein fröhliches Gemeinschaftserlebnis für die ganze Familie....

Gestern habe ich viele Familien gesehen, die verkleidet und schön „zurecht gemacht“ am Straßenrand standen. Kinderaugen voller Glanz, Süßigkeiten zur Genüge! Fröhlichkeit, Lachen, Spaß und Freude an dem, was „geworfen“ wurde. Spaß auch daran Vater und Mutter verkleidet zu sehen und fröhlich gemeinsam etwas zu erleben. Dieses zu sehen, hat mich berührt. Wann war in (m)einer Gemeinde das letzte Mal eine solch ausgelassene Stimmung?

 

Freude an der Großzügigkeit von anderen Menschen...

Die Menschen die im Zug mitlaufen haben Freude daran, Sachen zu verschenken. Mit Großzügigkeit werfen Sie leckere Dinge und geben besonders den Kindern Hände voller Süßigkeiten. Abgesehen von der Frage, ob Süßigkeiten wirklich etwas Gutes für Kinder sind, bin ich doch berührt von der Tatsache dass sie von ihrem eigenen Geld großzügig anderen etwas schenken. Einfach so. Ohne sie zu kennen. Einfach aus der Freude am Verschenken heraus. Niemand erwartet eine Gegenleistung. Das hat mich berührt und ehrlich - davon können wir auch als Gemeinde lernen!

Die Dorfgemeinschaft wird gestärkt...

In dem kleinen Dorf, wo ich gestern mit meinen Freunden am Straßenrand stand, war dieser Umzug ein schönes Ereignis, wo sich die Dorfbewohner wieder einmal gesehen haben. Nach der langen Winterzeit, in der man seltener aus dem Haus geht, traf man sich gestern bei Sonnenschein und hatte Zeit ein paar Worte miteinander zu wechseln. Auch die Wagen im Zug waren der Dorf-Situation angemessen mit lustigen Sprüchen. Es war ein großes Fest. Wenn ein solcher Umzug den Zusammenhalt eines Dorfes oder einer Stadt  stärkt und die Menschen miteinander in Kontakt bringt, dann freue ich mich darüber!

 

Gemeinsam kreativ werden ...

Und dann kam bei mir noch der Gedanke: Ist es nicht auch eine Möglichkeit gemeinsam als Familie kreativ zu sein? Ich habe die interessantesten Verkleidungen gesehen von der Schmeißfliegen bis zur Teekanne. Vom Einhorn bis zum Pirat. Jeder drückt sich selbst auch ein wenig in seiner Verkleidung aus. Sie sagt etwas über das Kind oder den Erwachsenen aus. Gestern habe ich mich einfach daran erfreut so kreative und schöne Verkleidungen zu sehen - dies spiegelt für mich die Vielfalt der Menschen wieder. Und ganz leise habe ich mir die Frage gestellt - welche Verkleidung, würde wohl am besten zu mir passen? Burgfräulein oder Fee? Oder vielleicht doch eher Polizist oder Sheriff? .... 

 

Oberflächliche Fröhlichkeit und andere Dinge

Natürlich – es ist hier auch viel oberflächliche Show dabei. Das fröhliche Gesicht an Karneval zeigt nichts darüber, wie ist im Inneren eines Menschen aussieht. Sicher nehmen viele dieses Fest auch als Anlass sich sinnlos zu betrinken. Und wenn manche die Unachtsamkeit von Menschen ausnutzen und Ko-Tropfen in ein Getränk mischen, um Verbrechen zu begehen, dann ist das einfach schlimm und damit möchte ich nichts zu tun haben. Auch der Dreck, der hinterher auf der Straße liegt, ist für mich immer noch gewöhnungsbedürftig. Nicht alles wird hinterher von der Kehrmaschine erfasst… Und dann ist da auch noch die Gefahr vor Terroranschlägen, sobald größere Menschenansammlungen entstehen…Ich kann jeden verstehen, der da nicht mitmachen möchte.

 

Und trotzdem...

Karneval gibt mir die Möglichkeit mich unter die Menschen zu mischen und vielleicht auch durch ein Gespräch hinter die Fassade zuschauen. Manchen Menschen die ich lange nicht gesehen habe einen freundlichen Händedruck und eine Umarmung zu schenken.  Rheinland ist eben fast jeder an Karneval auf der Straße zu finden. Es ist die Gelegenheit auch einige Worte miteinander zu wechseln und "bei den Menschen" zu sein. Dies kann ich mit meinem Glauben wunderbar vereinbaren, wenn es sicher aber auch nicht die einzige Möglichkeit ist, dies den Menschen zu zeigen. Jedenfalls ich bin dieses Jahr mal wieder mit dabei gewesen - als was, verrate ich hier nicht.

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